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Retter diesen Sommer im Dauereinsatz

Immer häufiger müssen Rettungskräfte ausrücken. Das zeigt eine hr-Umfrage in Hessens großen Städten. In diesem Hitze-Sommer berichten Leitstellen und Retter von auffallend vielen Einsätzen.

Es ist bunt, laut und heiß, als Mitte Mai rund 70.000 Fans auf dem K-Pop-Festival in Frankfurt ihre Musikstars feiern. Bei knapp 30 Grad ist die Sonne stark, die Getränke sind teuer - und so bekommt Notarzt Matthias Bollinger eine Menge zu tun. Rund 40 Menschen kollabieren am ersten Festivaltag, erinnert sich Bollinger: "Denen sind die Beine weggeknickt, sie hatten teilweise Übelkeit mit Erbrechen."

Mit Infusionen brachten er und seine Kollegen die überhitzten Besucher wieder auf die Beine. "Da war nicht einmal Alkohol im Spiel", sagt Bollinger. "Es war der Effekt von Hitze."

Auf einen warmen Frühling folgte in diesem Jahr der Super-Sommer mit Hitze-Rekorden von fast 40 Grad. Im Frankfurter Stadtgebiet, so Bollingers Eindruck, hätten die Einsätze bei Menschen, die wegen der Hitze zu Schaden gekommen seien, zugenommen. Nicht nur bei Veranstaltungen.

Hitzschlag und Flüssigkeitsmangel

Insgesamt stieg die Zahl der Rettungsdiensteinsätze - und die heißen Temperaturen hatten ihren Anteil daran: "Vor allem im Juli wurden deutlich mehr Hitze-Patient*innen als in den beiden Vorjahren im Vergleichsmonat transportiert", teilt auch die Stadt Offenbach auf hr-Anfrage mit. Dort rückten Retter im Juli 1.480 Mal aus. Das sind 90 Einsätze mehr als im Vorjahresmonat. Immer häufiger würden den Offenbacher Rettungskräften dabei Krankheitsbilder wie Hitzschlag oder Dehydratation, also Flüssigkeitsmangel, begegnen.

Stadt und Landkreis Kassel melden für diesen Juni ein Plus von 1.200 Einsätzen im Vergleich zum Vorjahresmonat. Auch in Darmstadt, Gießen und Fulda stiegen die Einsatzzahlen. Ein allgemeiner Trend, sagen alle Befragten. Den Faktor Hitze heben einige besonders hervor.

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Kein Sommerloch im Rettungsdienst

"Normalerweise sprechen wir auch im Rettungsdienst vom sogenannten Sommerloch", sagt Nicole Zey, Sprecherin des Lahn-Dill-Kreises. Denn eigentlich würden Herbst und Winter als arbeitsreiche Jahreszeiten gelten. Der Juli dagegen: ein sonst eher ruhiger Monat. Doch in diesem Jahr zählte die Leitstelle des Kreises im Juli 5.009 Einsätze, rund 1.000 mehr als in einem durchschnittlichen Monat.

Mehr Hitze gleich mehr Notfälle, lautet auch hier die Rechnung: "Da waren viele Einsätze dabei, wie Hitzeerschöpfung, Kreislaufkollaps, allergische Reaktionen auf Insektenstiche", sagt Zey. "Das ist in diesem Jahr besonders auffällig".

Gefährliche Abkühlung

So paradox es klingt, auch der Wunsch nach Abkühlung ließ in diesem Sommer die Zahl der Notfall-Einsätze in Hessen steigen. So musste die DRK-Wasserwacht nach eigenen Angaben mehr Menschen am und auf dem Wasser medizinisch versorgen. Wenn sich mehr Menschen im Wasser und am Ufer aufhielten, passiere auch mehr, so die Begründung. Wasserwacht-Landesleiter Steffen Lensing rät daher, "nur an bewachten Badestellen oder in Frei- und Hallenbädern zu schwimmen."

Dass Gefahr durch Hitze viele Gesichter hat, erlebt auch Notarzt Matthias Bollinger: Typische Hitze-Einsätze seien eben nicht nur solche bei großen Veranstaltungen wie dem K-Pop-Festival oder bei älteren Menschen, die nicht genügend trinken.

Auch ein klimatisiertes Büro berge unterschätzte Gefahren: "Klimaanlagen entziehen Luftfeuchtigkeit", erklärt Bollinger. Werde die Luft im Raum nur durch die Klimaanlage ausgetauscht, "dann verlieren Sie an einem Arbeitstag etwa einen Liter Flüssigkeit allein dadurch, dass Sie atmen."

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Sonnigster Sommer seit der Aufzeichnung

hessenschau vom 30.08.2022
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Hitze verschlimmert Krankheitssymptome

Nicht immer können die Helfer sagen, ob die Hitze Schuld ist, wenn es Menschen schlecht geht. Denn neben Hitzeerschöpfung, Hitzschlag und Sonnenstich gibt es viele Krankheiten, die von hohen Temperaturen zwar nicht verursacht, aber verschlimmert werden. Davor warnt Gisela Prellwitz, Sprecherin beim Deutschen Roten Kreuz Hessen: Hitze und Sonneneinstrahlung seien ein "Katalysator für die Verschlechterung von Krankheitsbildern".

Eine konkrete Zahl seiner Hitze-Einsätze kann der DRK-Landesverband nicht nennen. Dennoch hätten einige Rettungsdienste ihren Eindruck geschildert, dass Kollapse und Ohnmachten bei Patienten dieses Jahr öfter vorgekommen seien. Die Erfahrung zeige grundsätzlich, dass sich Menschen "bei extremen Hitzelagen wie in diesem Sommer in ihrer gesundheitlichen Situation beeinträchtigt fühlen".

Bundesweit mehr Notrufe - Hemmschwelle sinkt

Dass Rettungsdienste immer mehr zu tun bekommen, ist nicht nur in Hessen zu beobachten. Die Hitze hat dazu in diesem Jahr beigetragen, doch Gemeinden und Rettungsdienst-Träger sehen noch mehr Gründe für den Anstieg.

Die Hemmschwelle, einen Notruf abzusetzen, sinkt in der Bevölkerung. Das registriert das DRK und auch Nicole Zey aus der Leitstelle des Lahn-Dill-Kreises bekommt die Rückmeldung, "dass Menschen die 112 wählen, obwohl das eigentlich gar kein Fall für den Rettungsdienst wäre: bei Fieber, Schnupfen, einer kleinen Schnittverletzung."

Kliniken nicht für hohe Temperaturen gebaut

In jedem Fall bedeuten mehr Notrufe mehr Arbeit und mehr Personalbedarf. Deshalb hat der Lahn-Dill-Kreis nach eigener Aussage begonnen, seine Leitstelle aufzustocken.

Notarzt Matthias Bollinger aus Frankfurt sieht weitere Baustellen, auch mit Blick auf den Klimawandel und die zunehmende Hitze: "Das Gesundheitssystem ist darauf schlecht bis gar nicht eingerichtet", sagt er. "Die meisten Kliniken sind so gebaut, als ob in Deutschland immer stabil 25 Grad herrschen."

Damit Rettungskräfte entlastet und Bürger geschützt werden, so der Notarzt, brauche es noch mehr Bewusstsein für Hitze-Gefahren in der Bevölkerung und mehr Prävention in den Städten. Denn der nächste heiße Sommer kommt gewiss.

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