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Wegen Sparzwang werden weniger Kultur-Tickets gekauft

Die Konsum-Laune ist bei vielen Menschen wegen steigender Kosten im Keller. Das bekommen auch Kultur-Veranstalter zu spüren. Sie verkaufen weniger Tickets und Gutscheine im Weihnachtsgeschäft und sehen sich in großen Nöten.

Wo man auch hinschaut und hinhört: Die Kultur ist verunsichert und in Habachtstellung. Das zeigt eine nicht repräsentative hr-Umfrage. Die Corona-Pandemie beschert zwar in diesem Winter keine massiven Einschnitte, die Anbieter von Kunst und Kultur in Hessen stehen dennoch vor einer ungewissen Zukunft.

Wegen der Inflation und Energiepreis-Explosion ist für viele Menschen sparen angesagt - und Veranstalter müssen sich fragen: Verkneift sich das Publikum nun zuallererst Tickets für Kultur-Veranstaltungen? Joern Hinkel, Intendant der Festspiele in Bad Hersfeld, sagt zur allgemeinen Stimmung: "Kulturschaffende sind derzeit in besonders schwierigen Zeiten."

Festspiel-Intendant: "Alles wird teurer"

Die Macher des Theater-Festivals präsentierten Mitte November zwar voller Vorfreude ihr Programm für den kommenden Sommer. Aber auch Hinkel sieht sich mit höheren Kosten konfrontiert: "Alles wir teurer: Material und Energie - und das Personal besonders." Alles Faktoren, die in der Planung berücksichtigt werden müssten.

Das Budget sank zudem von 7,9 auf 7,6 Millionen Euro. Deswegen wird das Rahmenprogramm im Sommer 2023 schmaler ausfallen. Eine besonders große Unbekannte werden in den kommenden Monaten die Ticket-Einnahmen. Hinkel warnt daher: "Wir müssen in Betracht ziehen, dass weniger Menschen kulturelle Veranstaltungen besuchen."

Der Vorverkauf in den ersten zwei Wochen nach dem Start gestaltete sich aber positiv, ohne den befürchteten Einbruch, wie eine Festspiel-Sprecherin sagte.

Regisseurin Tina Lanik, die 2023 das Auftakt-Stück der Festspiele - den Shakespeare-Klassiker "König Lear" - inszeniert, bezeichnet die derzeitige Situation sogar als die größte Krise, die sie bisher in ihrer Theater-Laufbahn erlebt habe. "Es haben alle Theater nicht nur mit gestiegenen Kosten, sondern auch mit Publikums-Rückgang zu kämpfen", sagte die 48 Jahre alte Regisseurin, die derzeit am Burgtheater in Wien arbeitet.

Keine Experimente beim Programm

Die Burgfestspiele in Bad Vilbel trauen sich keine Prognose für die nächste Saison zu. Man müsse damit rechnen, dass im Vorfeld nicht so viele Karten verkauft würden, sagt Sprecherin Ruth Schröfel. "In diesen Zeiten entscheiden die Leute kurzfristiger. Sie schauen, was im Geldbeutel übrig bleibt und überlegen sich dann, was sie damit anfangen."

Weder in Bad Vilbel noch in Bad Hersfeld gehen die Veranstalter deswegen Experimente beim Programm ein. "Man muss den Leuten Stücke bieten, mit denen sie etwas anfangen können. Da darf es gern ein vertrauter Titel sein, ein Stück, das verlässlich Unterhaltung bietet", sagt Schröfel. In der Vorsaison sei etwa das Stück "Mord im Orient-Express" sehr beliebt gewesen. Auf dem Spielplan der neuen Saison (5. Mai bis 10. September) stehen neun Produktionen, darunter "Der Club der toten Dichter" und "Pünktchen und Anton".

Bis zu 40 Prozent weniger Zuschauer

Die Brüder Grimm Festspiele Hanau haben nach eigener Aussage derzeit zwar keinen Grund zur Klage beim angelaufenen Kartenvorverkauf für den Sommer. Trotzdem gebe es "ernsthafte Bedenken", dass sich die Wirtschaftskrise in naher Zukunft in einem deutlichen Rückgang der Besucherzahlen äußern könnte, sagt Festspiel-Sprecher Jeroen Coppens. Wenn das Leben teurer sei, werde am Luxus gespart - und das sei nun mal auch die Kultur.

Das bekommt derzeit etwa schon die Alte Oper in Frankfurt zu spüren. Man beobachte seit Wochen eine gesteigerte Preis-Sensibilität der Besucher beim Kartenkauf, Tickets in den niedrigeren Preiskategorien seien stärker gefragt als im höheren Preissegment.

Auch die Festspiele Heppenheim berichten von einem zähen Weihnachtsgeschäft. Die Macher befürchten einen geringeren Ticket-Absatz und damit ein Finanzdefizit. Die Kleinkunst-Bühne Goethes Postamd in Kassel beklagt einen Zuschauer-Rückgang von 40 Prozent; die Stadt Wolfhagen (Kassel) rechnet für ihr Frühjahrsprogramm mit einem Minus von bis zu 30 Prozent bei den Ticketverkäufen.

Corona wirkt noch nach

Das Stalburg Theater in Frankfurt berichtet ebenfalls von 30 Prozent weniger Ticketverkäufen und Geschenkgutschein-Käufern als gewöhnlich. "Auch kleinere Gruppen, Firmen und Geschäftsleute bleiben weg", sagt Michael Herl, Leiter des Stalburg Theaters. Sein Eindruck: "Die Leute wollen ihr Geld beisammenhalten, fürchten die Inflation."

Das Hessische Landestheater Marburg nennt noch einen weiteren Grund für den mäßigen vorweihnachtlichen Kartenverkauf: Viele hätten durch die Corona-Pandemie "die soziale Praxis, ins Theater zu gehen, ein Stück weit verlernt".

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Nicht überall Wehklagen

Bei der Umfrage des hr unter Kultur-Veranstaltern gab es auch positive Meldungen: Das Schauspiel Frankfurt berichtet von hoher Auslastung und keiner spürbaren Zurückhaltung. Auch das Staatstheater Darmstadt registriert seit Beginn der neuen Spielzeit 22/23 gute Besucherzahlen. Die Ticketverkäufe deuteten nicht auf einen nahenden Einbruch hin. Und auch eine kleine Bühne wie das Satire- und Kabarett-Theater "Die Schmiere" in Frankfurt hat Grund für zarte Zuversicht. Es gebe wieder mehr Interesse und Besucher. "Allerdings sind wir weit entfernt von den Einnahmen oder Zahlen der Vor-Corona-Jahre", sagte Leiterin Effi B. Rolfs.

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