Eine Straße mit parkenden Autos. In der Mitte des Bildes ein Radfahrer, leicht unscharf, weil er in Bewegung ist. Auf dem Boden der Straße eine großer blauer Kreis mit einem Fahradicon. Auf dem Bild rechts unten eine kleine Grafik mit dem Wort "Verkehrs-Check".

Die Stadt Offenbach will den nächsten Schritt bei der Verkehrswende gehen. Erst im Mai eröffnete sie einen neuen Radweg nach Neu-Isenburg, zahlreiche Fahrradstraßen wurden gebaut. Gleichzeitig steigt die Zahl der Autos, die Straßen werden voller. Wie passt das zusammen?

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So stehen hessische Großstädte beim Verkehr da

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Immer wieder hören wir vom "Revierkampf" auf der Straße: Autofahrer beschweren sich über Radfahrer, Radfahrer über große SUVs – und Fußgänger über Lastenradfahrer. Das Verhältnis zwischen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern scheint angespannt. Gerade in hessischen Großstädten ist der Platz begrenzt, der Klimawandel ein großes Thema. Was also tun Städte, um den begrenzten Platz aufzuteilen? Wir haben Offenbach einem Verkehrscheck unterzogen und geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Serie: Verkehrscheck in hessischen Großstädten

In einer sechsteiligen Serie nehmen wir die Verkehrssituation in hessischen Großstädten unter die Lupe. Welche Maßnahmen ergreifen die Städte und reichen diese aus? Wir haben einen Blick auf ganz Hessen und jeweils auf die Städte Offenbach, Frankfurt, Darmstadt, Kassel und Wiesbaden geworfen.

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Die Themen in der Übersicht:

Was sind die größten Verkehrsprobleme?

Offenbach ist eine stark wachsende Stadt. Lag die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner 2014 noch bei fast 129.000, so ist sie 2022 auf mehr als 142.000 angestiegen. Das geht aus Zahlen des Melderegisters Offenbach hervor. Verkehrsexperten glauben, dass die steigenden Einwohnerzahlen auch Herausforderungen beim Verkehr mit sich bringen. "Verschiedene Entwicklungen, unter anderem auch im gewerblichen Bereich, werden die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung und der Pendler weiter steigen lassen", sagt etwa die Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach.

Gleichzeitig sei der Haushalt der Stadt "chronisch unterfinanziert". Investitionen sind somit nur begrenzt möglich. Zusätzlich haben weitere Themen, wie beispielsweise die Luftreinhaltung, einen starken Einfluss auf die Mobilität in der Stadt. "Die zentrale Herausforderung ist, in einer wachsenden Stadt die Mobilität nachhaltig, kosteneffizient und unter Berücksichtigung der Bedürfnisse von Einwohnern, Pendlern und Unternehmen zu gestalten", so die IHK.

Was macht Offenbach für Fahrradfahrer?

Nach eigenen Angaben engagiert sich die Stadt Offenbach seit Jahren in unterschiedlichen Projekten "für attraktives Fahrradfahren". Zentral ist dabei das Projekt "Bike Offenbach", wodurch laut Stadt bis Ende 2021 neun Kilometer Fahrradstraßen entstanden sind.

Auch Abstellflächen seien mit Fördermitteln vor allem in der Nähe von ÖPNV-Haltestellen errichtet worden. Zusätzlich habe die Stadt mietbare Fahrradboxen an S-Bahn-Stationen installiert. Neu hinzugekommen im Verleih von E-Bikes seien nun auch E-Lastenräder.

Aktuell arbeitet der Magistrat mit der Initiative Radentscheid ein gemeinsames Positionspapier aus, um den Radverkehr in Offenbach zu stärken. "Die Zahl der Maßnahmen ist in den letzten 10 Jahren ständig gestiegen und es werden fortlaufend Fördermittelanträge geschrieben", teilte eine Pressesprecherin mit.

Wo sind neue Radwege entstanden?

Einen der neuesten Radwege gibt es entlang der Sprendlinger Landstraße. Der Radweg zwischen Offenbach und Neu-Isenburg eröffnete im Mai. "Der Verkehrsversuch soll zeigen, wie sicherer Radverkehr zwischen zwei Kommunen funktionieren kann. Nämlich durch einen vollständig vom Autoverkehr getrennten Radweg", sagte Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP).

Außerdem soll der Schillerplatz, der bislang als Kreisverkehr diente, neugestaltet werden. Nach Angaben der Stadt läuft seit Februar ein einjähriger Verkehrsversuch, bei dem der Schillerplatz autofrei bleibt. Bereits im Herbst 2021 hatte die Stadt die vom Kreisverkehr abgehende Luisenstraße als Fahrradstraße markiert. "Radelnde haben dort nun grundsätzlich Vorrang, sie dürfen nebeneinander fahren, und es gilt Tempo 30 für alle."

Auch zahlreiche andere Straßen (wie die Beethoven-, Lortzing- und Brinkstraße) habe man fahrradfreundlicher gestaltet. Insgesamt gibt es in Offenbach 75 Kilometer Fahrradwege bei 320 Kilometern Straßennetz.

Wie schneidet Offenbach beim Fahrradklima-Test ab?

Beim Fahrradklima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) schneidet Offenbach 2020 am besten von allen sechs hessischen Großstädten ab, dennoch fällt die Bewertung eher schwach aus. Die Stadt erreicht eine Note von 3,6 auf einer Schulnoten-Skala von 1 bis 6. Verbessert hat sich Offenbach in den vergangenen Jahren nicht, schon 2018 und 2016 erreichte sie diese Bewertung. Im deutschlandweiten Ranking bei Städten zwischen 100.000 bis 200.000 Einwohnerinnen und Einwohner landet Offenbach immerhin auf Platz 6 von 41.

Die Befragten loben in der Stadt besonders die geöffneten Einbahnstraßen in Gegenrichtung (2,1), die Erreichbarkeit des Stadtzentrums (2,5) und die Fahrradförderung in jüngster Zeit (2,5). Unzufrieden sind die Befragten vor allem mit Fahrraddiebstählen (4,9), der Falschparkerkontrolle auf Radwegen (4,9) und der Verkehrsführung an Baustellen (4,6).

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Wie steht es um den ÖPNV?

Die Stadt Offenbach setzt nach eigenen Angaben beim innerstädtischen ÖPNV vor allem auf Stadtbusse, acht Linien gibt es insgesamt. Hinzu kommen vier Regionalbuslinien. Auch einige S-Bahn-Linien – vier insgesamt – fahren von und nach Offenbach und verbinden die Stadt etwa mit Frankfurt, Wiesbaden oder Hanau. Hinzu kommen Regionalzüge.

Zuletzt machte die Offenbacher Koalition aus Grünen, SPD und FDP vor allem durch Sparmaßnahmen im ÖPNV Schlagzeilen. Die finanzielle Situation der Stadt ist heikel. Deshalb verkündete die Koalition etwa Buseinsparungen. Demnach werden die Halte der Buslinien und Streckenführungen teilweise verändert und manche Busse legen weniger Kilometer zurück. Das Angebot muss laut Stadt jedes Jahr um 550.00 Kilometer reduziert werden.

"Wichtig für mich war dabei, dass weiterhin ein bedarfsgerechtes Angebot zur Verfügung gestellt wird und wir so viele Busfahrerinnen und Busfahrer wie möglich weiter beschäftigen können", sagte Mobilitätsdezernentin Sabine Groß (Grüne) zu den Einsparungen. Der mögliche Wegfall einer gesamten Buslinie hatte einen erheblichen Widerstand in der Öffentlichkeit ausgelöst. "Das zeigt die Grenzen für den Ausbau des ÖPNV in der Stadt auf", sagt die IHK Offenbach.

Was tut Offenbach für Autofahrer?

Und wie steht es um das Auto? "Verglichen mit den siebziger Jahren, als Offenbach großräumig zur autogerechten Stadt umgebaut wurde, hat die Stadt Offenbach diesen Prozess an vielen Stellen rückgängig gemacht", so eine Pressesprecherin der Stadt. Die Maßnahmen für den Autoverkehr hätten in den vergangenen Jahren abgenommen. Stattdessen seien Autoflächen für Fahrradfahrerinnen oder Fußgänger umfunktioniert worden. Sie seien zum Teil auch zu Grün- oder Freizeitflächen umfunktioniert geworden.

"Es geht dabei immer auch darum, eine Kehrtwende beim wachsenden Autoverkehr zu erreichen. Nur durch die Nutzung alternativer Angebote kann ein Verkehrskollaps in verhindert werden", sagte Verkehrsdezernent Paul-Gerhard Weiß. Wie die Stadt mitteilt, werden keine neuen Straßen gebaut. Man saniere vorhandene Straßen lediglich mit "schmalem Budget". "Das einzige größere Neubauprojekt der letzten Jahre war der Kaiserlei-Umbau vom Kreisel zu einer modernen Doppelkreuzung."

Beim Autoverkehr achte man vor allem darauf, "den Verkehr zu verflüssigen und Durchgangsverkehr möglichst zielsicher zu steuern", so die Stadt. Dafür habe man in den vergangenen zwei Jahren alle Ampelanlagen umgerüstet und modernisiert. "Damit steuert der Rechner die Ampeln situationsabhängig und je nach Verkehrsaufkommen." Vier Millionen Euro flossen in dieses Projekt.

Macht die Stadt genug für eine Verkehrswende?

Ist der Radverkehr in Offenbach nun also auf dem Vormarsch? "Sobald man in Offenbach das Mainufer verlässt, hat man als Fahrradfahrer echte Orientierungsprobleme", erläutert der ADFC-Landesvorsitzende Xavier Marc. In Offenbach würde es an einigen Stellen an durchgängigen Fahrradwegen und Beschriftungen fehlen. "Das ist mitunter etwas chaotisch", so Marc.

Der Fahrrad-Experte sieht in Offenbach viel Luft nach oben, aktuell geschehe politisch noch zu wenig. "Früher oder später wird Offenbach aber von der Dynamik in anderen Städten profitieren", sagt Marc. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die Verkehrssituation dort verbessere. Auch der Austausch mit der Bürgerinitiative Radentscheid könne dazu entsprechend beitragen: "Die Zivilgesellschaft hat also schon ein Signal gesendet."

"Wachsendes Gefühl des Stillstands"

Die IHK Offenbach sieht vor allem die getrennte Betrachtung von Projekten und Maßnahmen kritisch: "Eine integrierte Betrachtung, wie alle Verkehrsträger stadtverträglich und nachhaltig gestärkt werden können, erfolgte bisher nicht." Somit habe die Stadt auch keine Synergien zwischen den Maßnahmen genutzt. "Das Wachstum der Stadt und damit verbunden eine große Anzahl von Baustellen führte in den vergangenen Jahren zu einem wachsenden Gefühl des Stillstands", befindet die IHK.

Gerade beim Radverkehr seien schon einige Maßnahmen umgesetzt worden, "es gibt aber noch viele Lücken für ein sicheres und bequemes Radfahrnetz." Mögliche Konfliktpunkte mit dem Individualverkehr, insbesondere dem Auto, seien bisher nur eingeschränkt betrachtet worden. "Das muss beim weiteren Ausbau, zum Beispiel der Radschnellwege, besser werden", so die Forderung der IHK.

Wie bewegen sich die Offenbacher fort?

Die Offenbacherinnen und Offenbacher legen einer Mobilitätsstudie nach im Schnitt jeden Tag drei Wege zurück, die insgesamt 37 Kilometer lang sind und 82 Minuten dauern. Sie liegen damit im bundesweiten Durchschnitt. Die Mobilitätsstudie wird alle fünf Jahre erhoben, die aktuellste Studie ist von 2018. Derzeit wird die Studie 2023 erhoben.

Laut der Studie hat sich die Verkehrsmittelnutzung in Offenbach im Laufe der Jahre verlagert. Demnach nutzte im Jahr 2008 noch fast jeder dritte Offenbacher (62 Prozent) ein Auto, Motorrad oder Moped, um zur Arbeit zu fahren. Im Jahr 2018 war es nur noch knapp die Hälfte (45 Prozent).

Beim Öffentlichen Nahverkehr gab es hingegen einen Aufwärtstrend: Diesen nutzten 2018 (32 Prozent) rund 11 Prozentpunkte mehr, als noch 2008 (21 Prozent). Auch das Fahrrad als Verkehrsmittel zur Arbeit legte mit 14 Prozent gegenüber 10 Prozent in 2008 deutlich zu. Eine kleine Steigerung gab es bei den Fußgängern: von sieben auf neun Prozent.

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"Die Menschen in Offenbach bewegen sich umweltfreundlicher fort als noch vor rund zehn Jahren", sagte Horst-Ingo Kupfer, Referatskoordinator Verkehrsplanung im Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement. Doch gleichzeitig ist die Anzahl der privaten und dienstlichen Autos in den vergangenen zehn Jahren in allen hessischen Großstädten gestiegen – so auch in Offenbach. Im Januar 2022 kamen in Offenbach fast 45 Autos auf 100 Einwohner, 2012 lag die Zahl bei 42. In zehn Jahren stieg die absolute Zahl der Autos um mehr als 8.500.

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Doch wie lang sind die Wege? In der Offenbacher Innenstadt legen Autofahrerinnen und Autofahrer werktags in der morgendlichen Rushhour durchschnittlich etwa 3,4 Kilometer zurück, am Wochenende sind es 3,9 Kilometer. Das geht aus Daten des Navigationsgeräte-Herstellers TomTom von 2022 hervor. Im Offenbacher Umkreis beträgt die durchschnittliche Streckenlänge beim Autofahren wochentags 7,2 Kilometer.

Wie zufrieden sind die Offenbacher mit dem Verkehr?

Die Einwohner Offenbachs bewerten die Verkehrssituation laut einer Mobilitätsstudie aus dem Jahr 2018 für Fußgängerinnen am besten und für Radfahrer am schlechtesten. Die Situation für Fußgänger belegt mit einer Durchschnittsnote von 1,7 den ersten Platz. Gefolgt vom Öffentlichen Nahverkehr (2,4) und dem Auto (2,5). Schlusslicht bildet der Radverkehr mit einer Note von 2,8.

Das erklärt möglicherweise auch den recht geringen Radverkehrsanteil in der Stadt. Nach Angaben der Stadt nutzten 11 Prozent der Befragten 2021 überwiegend das Rad. Einen gleich hohen Radverkehrsanteil verzeichnet die Stadt Kassel. Einen niedrigeren Wert unter den hessischen Großstädten gibt es nur in Wiesbaden (7 Prozent). Wobei man dort davon ausgeht, dass der Radverkehrsanteil in der Zwischenzeit gestiegen ist.

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Ihre Kommentare Wie erleben Sie die Verkehrssituation in Offenbach?

30 Kommentare

  • Der ÖPNV würde sicher mehr genutzt werden, wenn die Maskenpflicht durch gesetzt werden würde. Nach meinen persönlichen, nicht repräsentativen Erfahrungen, wird in 75 der Busse dagegen verstoßen, ohne das dies Konsequenzen für die maskenlosen Mitfahrer*innen hat.

  • Das starke Wachstum der Stadt macht sich auch im Verkehr bemerkbar, Nutzungskonflikte im öffentlichen Bereich sind damit vorprogrammiert. Allerdings ist die Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erschlossen, die Taktung der S-Bahn hervorragend. Mit dem Rad bleibt Offenbach - auch durch die geöffneten Einbahnstraßen für Radfahrer*innen - eine Stadt der kurzen Wege, selbst die Stadtteile Rumpenheim und Bieber erreicht man von der Innenstadt aus in 20 Minuten. Die Waldroute nach Bieber in Verlängerung des Lämmerspieler Weges ist gerade im Sommer eine super Verbindung, allerdings noch zu selten genutzt. Vermutlich die vielen nicht bekannt!? Allerdings gibt es für den Radverkehr an einigen Ecken noch Optimierungsmöglichkeiten, die die Attraktivität des Radverkehrs in Offenbach weiter verbessern können. Die engere Zusammenarbeit der Stadt mit den Bürgerinnen und Bürgern ist dafür die richtige Strategie...

  • Viel zu viel und rücksichtsloser Autoverkehr in den Fahrradstraßen.

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