Minusgrade, Schnee und Eis auf der Autobahn Mega-Staus in Hessen: Wie es dazu kam - und welche Kritik es gibt

Diese Mega-Staus brachten selbst erfahrene Rettungskräfte an ihre Grenzen: Im Eis und Schneeregen kam seit Mittwochabend der Verkehr auf mehreren hessischen Autobahnen komplett zum Erliegen. Viele Menschen mussten in ihren Autos übernachten. Wie konnte es soweit kommen?

Lkw an Lkw auf schneebedeckter Straße
Lkw an Lkw - hier am Donnerstag auf der A7 bei Fulda Bild © Fuldamedia
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Mega-Staus in Hessen: Wie es dazu kam – und welche Kritik es gibt

hs 19.01.2024
Bild © hessenschau.de
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Erst am Freitag löste er sich langsam auf, der kilometerlange Stau auf der A5 zwischen Alsfeld und Homberg/Ohm (Vogelsberg). Über einen Tag lang hatten zahlreiche Menschen hier in ihren Autos ausgeharrt. Auf der A7 bei Kassel staute sich der Verkehr sogar seit Mittwochabend.

Die Menschen mussten in ihren Fahrzeugen übernachten und von Rettungskräften mit Getränken, Snacks, warmen Decken, teils auch mit Sprit oder Medikamenten versorgt werden. Tiere in Tiertransporten bekamen Wasser aus Löschtanks.

Autobahn GmbH: Überholverbot wurde ignoriert

Wie konnte es soweit kommen? Für Bernhard Klöpfel, Leiter der Außenstelle Kassel der Autobahn GmbH, war die Kombination aus der Wetterlage und dem Verhalten einiger Lkw-Fahrer das Kernproblem.

Hinweistafeln und Radiodurchsagen, die auf ein Überholver- und Rechtsfahrgebot unter anderem auf der A7 hinwiesen, seien ignoriert worden. "Leider haben Lkw-Fahrer, entgegen der Anordnungen der Polizei, versucht, sämtliche Spuren der Autobahn zu benutzen", fasste er zusammen.

Selbst auf leichten Anstiegen seien die schweren Trucks auf der glatten Fahrbahn dann irgendwann nicht weitergekommen, seien gegeneinander gerutscht und hätten so alle Streifen blockiert - und das über Kilometer hinweg.

Die herbeigerufenen Einsatzkräfte seien höchstens zu Fuß durchgekommen, Winterdienst- und Räumfahrzeuge hätten keine Chance gehabt.

Einsatzleiter: Überholspur auf A5 schnell wieder verstopft

Andreas Fischer, Einsatzleiter im Bereich Homberg/Ohm, berichtete dem hr ebenfalls davon, dass Lkw auf der A5 die Überholspur verstopften, so dass die Einsatzkräfte gestrandete Autofahrer zu Fuß versorgen mussten und Stunden brauchten, um sie zu erreichen.

Besonders ärgerlich sei gewesen, dass die Überholspur sofort wieder verstopft worden sei, sobald die Einsatzkräfte sie freigeräumt hatten, sagte Fischer.

Unterwegs mit Quads und Schlitten

Wie Bernhard Klöpfel von der Autobahn GmbH weiter berichtete, seien auch die Ausweichstrecken bald verstopft gewesen, so dass hier ebenfalls kein Weiterkommen war.

Daniel Schäfer, Stadtbrandinspektor von Alsfeld berichtete, dass sich seine Einsatzkräfte teils mit Quads behelfen mussten, selbst mit diesen aber nicht überall hinkamen. Andere Helfer benutzen Schlitten.

Auch betroffene Autofahrer meldeten sich beim hr, etwa hr3-Hörer Kai Fietz, der am Telefon an Lkw-Fahrer appellierte, sich rechts zu halten und die nötigen Abstände einzuhalten.

Oder Andreas Rothe, seit 20 Jahren selbst Trucker, der beobachtete, wie Kollegen "die Autobahn blockieren, nur um 100 Meter weiterzukommen". Diesen gehöre der Führerschein entzogen, so seine Meinung.

Logistikverband: "Nicht ausreichend Parkplätze"

Auf die Vorwürfe gegen Lkw-Fahrer angesprochen, schreibt ein Sprecher des Speditions- und Logistikverbandes Hessen/Rheinland-Pfalz, ihm lägen derzeit keine Informationen zu den aktuellen Staus vor. Er finde es dennoch "bedauerlich und bemerkenswert", dass offenbar Lkw-Fahrer zu Schuldigen in einer Extremsituation gemacht werden sollten.

Ein Teil der ausländischen Fahrer habe wahrscheinlich zudem die Radiodurchsagen nicht verstanden. Und: "Hätte die Politik seit Jahren nicht versäumt, für ausreichend Parkplätze (...) zu sorgen, hätte ein Großteil dieser Fahrzeuge möglicherweise gar nicht auf der Autobahn stehen müssen."

Kreise: Nicht nötig, Katastrophenfall auszurufen

Andere Nutzerinnen und Nutzer meldeten sich mit Kritik an den Einsatzkräften beim hr: Ihr Freund stehe auf der A5 im Stau, dort sei erst nach elf Stunden Wasser und je ein Riegel verteilt worden, schreibt etwa Nutzerin Sarah Ahmed.

Die Einsatzkräfte selbst seien gut aufgestellt gewesen, versichert Klöpfel. Es sei deswegen nicht nötig gewesen, den Katastrophenfall auszurufen und weitere Kräfte anzufordern, schreiben der Schwalm-Eder-Kreis und der Kreis Hersfeld-Rotenburg auf hr-Anfrage. Der Vogelsbergkreis war am Freitagnachmittag nicht mehr erreichbar.

Einsatzkräfte: "Alles übertroffen"

Dort seien die Kollegen von Einsatzkräften aus den Kreisen Marburg-Biedenkopf und Gießen unterstützt worden, berichtet Andreas Fischer. Allein am Donnerstag waren mehr als 150 Mitarbeitende des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), des Malteser Hilfsdienstes, der Bergwacht Hessen und der Feuerwehr auf der A5 unterwegs.

Ein schnelleres Vorankommen sei aus den genannten Gründen nicht möglich gewesen. Marius Zimmer vom DRK-Ortsverband Mücke ergänzt: "Länge, Ausmaß und Personaleinsatz dieses Einsatzes haben alles übertroffen, was wir bisher erlebt haben."

Weitere Informationen

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 19.01.2024, 19.30 Uhr

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Quelle: Daniel Engstler, Stefanie Küster, Kathinka Mumme, Leonie Rosenthal, Arian Yazdani