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Zirkus läuft auch ohne Tiere

Einmarsch der Artistinnen und Artisten in die Manege

Tiere sind bei den Vorstellungen des Zirkus Barelli in Darmstadt tabu - eine Auflage der Messplatz-Betreiber. Trotzdem - oder gerade deswegen - zieht es Zuschauer in Scharen zu den Shows. Derweil muss der Zirkus sich mit einer Attacke auseinandersetzen.

Harry Barelli ist außer sich: "Es ist unfassbar, wer macht so etwas?" schimpft der Kopf einer alten Zirkusdynastie. Erst seit zwei Tagen gastiert der Zirkus Barelli am Messplatz in Darmstadt, doch in der Nacht zum Freitag wurden rund 500 Plakate entwendet, Banner zerschnitten, Aufsteller zerstört.

Auf rund 12.000 Euro taxiert Barelli den Schaden. Über die Täter kann er nur spekulieren, aber eines steht für ihn fest: "Das waren keine Tierschützer, ganz bestimmt nicht." Denn in Darmstadt tritt der Zirkus ganz ohne Tiere auf.

Messplatz-Besitzer verbieten Tierauftritte

"Unseren Tieren geht es gut, die sind auf ihrer Koppel", berichtet Sohn und Geschäftsführer Timmy Barelli. Dass die Tiere in Südhessen nicht dabei sind, haben sich die Betreiber nicht ausgesucht. Es war eine Auflage der Eventfirma I-Vents aus Pfungstadt, die den Messplatz im vergangenen Jahr erworben hatte.

"Wir haben uns entschieden, keine Zirkustiere mehr auf unserem Gelände zu dulden", sagt die Marketingmanagerin von I-Vents, Selina Noack. Diesen Wunsch habe man in der Gesellschaft wahrgenommen. So habe es in einer Übergangsphase Demonstrationen gegen einen am Messplatz gastierenden Zirkus mit Tieren gegeben.

Die Leute kommen trotzdem - oder erst recht

Immerhin scheint die Abwesenheit der Vierbeiner den Ticketverkäufen keinen Abbruch getan zu haben, im Gegenteil. "Die drei bisherigen Vorstellungen waren alle fast ausverkauft", freut sich Timmy Barelli. Auch für die restlichen Darmstädter Shows bis zum 16. Juni gebe es reichlich Vorbestellungen. "Wir sind richtig glücklich."

Persönlich vermisst der Zirkusbetreiber seine Tiere, die für ihn einfach dazugehören. "Ich finde es traurig, ohne die Tiere hier zu sein", sagt Barelli. Es würden ja keine Wildtiere gezeigt, nur Pferde und Kamele. "Sie hätten mal die tollen Reaktionen des Publikums in Frankfurt erleben müssen, als die Tiere reinkamen."

An der Auflage könne er nichts ändern, sagt Barelli. Auslassen wollte er die Heinerstadt trotz des Tierverbots aber nicht. "Darmstadt war es mir wert", sagt er. Das sei einfach eine tolle Stadt. Ob es vielleicht gerade die tierlose Manege ist, die die Zuschauer in Darmstadt anlockt, weiß Barelli nicht. Er glaubt aber, dass es möglicherweise irgendwann keine Tiere mehr in Zirkussen geben wird.

Rodgau als deutscher Vorreiter

Die Stadt Rodgau hatte im Februar 2022 als erste Kommune Deutschlands Zirkustiere auf öffentlichem Boden verboten. Allerdings kippte ein Gericht wenige Monate später das Pauschalverbot. In Wiesbaden hatten Veterinäre vor Kurzem einen Auftritt von Löwen bei einem Weihnachtszirkus gestoppt.

Zirkus ohne Tiere – ein Trend, der sich durchsetzen wird? Bei einer Abstimmung auf hessenschau.de vom Dezember 2023 antworteten 46,5 Prozent der Teilnehmer auf die Frage "Sind Zirkustiere noch zeitgemäß?" mit "Nein". Nur knapp sieben Prozent klickten die Antwortmöglichkeit "Ja" an.

Neuer Zirkus - allen Widerständen zum Trotz

Timmy Barelli hat den Zirkus während der Pandemie, als alles aussichtslos schien, zusammen mit seinem Bruder Franz und deren Schwester Ramona neu aufgebaut – trotz der Zweifel des Vaters. "Da ist soviel Herzblut drin, so viel wahre Liebe zur wahren Kunst", sagt Barelli zu seinen Beweggründen mit Blick auf das Engagement der Artisten.

Für rund 40 Künstlerinnen und Künstler tragen die Geschwister heute Verantwortung, dazu kommt Personal für Büro und Aufbau. Auf den übrigen Stationen der aktuellen Tournee werden die Tiere wieder mit von der Partie sein, so nach jetzigem Stand auch im Dezember in Gießen.

"Einfach mal den Alltag vergessen"

Ob mit oder ohne Tiere: Barelli ist fest überzeugt, dass der Zirkus nicht tot ist, auch wenn die auffälligen Zelte so manch einem aus der Zeit gefallen scheinen. Er glaubt zu wissen, was die Menschen auch heute daran fasziniert: "Einfach mal für zweieinhalb Stunden den Alltag vergessen, das ist es."

Wegen der gestohlenen Plakate hat der Zirkus inzwischen eine Belohnung von 2.000 Euro für Hinweise auf die möglichen Täter ausgesetzt. In welche Richtung die Ermittlungen gehen, ist laut einer Polizeisprecherin noch unklar. "Erst müssen wir alle Fakten kennen."

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