Aus klein mach größer: Vor 50 Jahren verschwanden rund 2.200 Gemeinden und einige Kreise von der kommunalen Landkarte Hessens. Die Gebietsreform hatte tiefgreifende und kuriose Folgen - bis heute.

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50 Jahre Gebietsreform in Hessen

hessenschau vom 01.08.2022
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Gebietsreform – klingt verdächtig nach zehn von zehn Punkten auf der "Wie-unsexy-ist-das-denn"-Skala. Als die Sache in Hessen vor 50 Jahren über die Bühne ging, schraubte das aber bei sehr vielen Menschen den Schläfen-Puls in die Höhe. Am Ende steht nach erbitterten Auseinandersetzungen eine heute nicht mehr hinterfragte Zentralisierung - erfolgreich, mit mehr oder weniger schweren Fehlkonstruktionen.

Wie in anderen Bundesländern auch wurden größere Gemeinden und Kreise gebildet und die Verwaltung zentralisiert. Gegner führten einen Kampf für Identität, Tradition und gegen bürokratische Fremdbestimmung. Im Rückblick ist die Gebietsreform nicht nur höchst folgenreich für alle gewesen, sondern zuweilen auch recht unterhaltsam. Und irgendwie ist sie noch immer nicht vorbei.

1. Den Kleinen an den Kragen

Schlagkräftiger und moderner soll die kommunale Verwaltung Ende der 60er Jahre werden - um mit gesellschaftlicher, sozialer und technischer Entwicklung Schritt zu halten. Es geht vor allem um "Zwerggemeinden", wie es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei einem ersten Gedankenspiel noch hieß. Die regierende SPD/FDP-Koalition zieht die Sache in den 70er Jahren in zwei großen Etappen durch.

1969 geht es mit viel Freiwilligkeit los. Dann wird Druck gemacht. Vor genau 50 Jahren, am 1. August 1972, kommen die ersten acht hessischen "Neugliederungsgesetze". Am Ende sind von 2.642 selbstständigen kleinen Gemeinden noch 421 übrig. Die meisten Dörfer werden Orts- oder Stadtteile. Die Zahl der kreisfreien Städte schrumpft von 9 auf 5. Von 39 Landkreisen bleiben 21.

2. Mit Nutellabrot und Peitsche

Die allermeisten Kommunen fügen sich friedlich. Bei Widerwillen hebt Geld die Aufbruchstimmung: Es gibt einen kräftigen Zuschlag beim Finanzausgleich. Wo Süßes nicht hilft, hilft Saures nach. Am Ende macht die Drohung mit Zwangszusammenlegung auch Unwilligen Beine. Gerade dabei knallt es oft.

Vor allem die neuen Partner streiten – die zusammengelegten Kreise Alsfeld und Lauterbach etwa vor Gericht um den Sitz der Verwaltung des neuen Vogelsbergkreises.

3. Großstadt und Kfz-Kennzeichen begraben

Künstlich, künstlicher, Gebietsreform – unter dem Motto wächst auch mal zusammen, was nicht zusammengehört. "L" zum Beispiel. Das wird nach der Wiedervereinigung für Leipzig stehen, zwischenzeitlich aber auch auf mittelhessischen Nummernschildern für die Stadt "Lahn".

Planer und Landespolitiker halten es für eine gute Idee, 1977 aus Gießen und Wetzlar eine Großstadt dieses Namens zu basteln. Was Mittelhessen stärken soll, schwächt die SPD/ FDP-Landesregierung. Der Protest ist immens. Eine Kommunalwahl-Klatsche noch – und alles geht zurück auf Start. Mit dem Rückzieher 1979 ist auch die Gebietsreform offiziell zu Ende.

4. Ein bisschen Irrsinn muss sein

In die Rubrik "Kurioses" zählt das hessische Innenministerium in seiner aktuellen Würdigung der Gebietsreform einen Fall aus Nordhessen. Die Fusion der Kreise Fritzlar-Homberg, Melsungen und Ziegenhain zu Schwalm-Eder bewirkt, dass 150 Mitarbeiter der Finanzverwaltung täglich per Bus von Homberg (Efze) ins nach Fritzlar verlegte Finanzamt gebracht werden. In umgekehrte Richtung pendeln genauso viele Menschen ins nach Homberg (Efze) verlegte Landratsamt. Kosten laut Land bis 1980: gut eine halbe Million D-Mark.

4. Alle sieben Jahre ein Triumphfest

Wenn er nur heftig genug ist, hat Widerstand manchmal Erfolg. Der von Oberasphe jedenfalls. Entgegen aller Tradition und Neigungen schlägt man das 300-Seelen-Dorf nicht dem Kreis Marburg-Biedenkopf zu, sondern Waldeck-Frankenberg. Als schon Rathausakten verfrachtet werden sollen, kesseln Demonstranten die fremden Verwaltungsbeamte ein.

"Sprechchöre bildeten sich, Knallfrösche wurden gezündet", heißt es in einem Rückblick über den Aufstand. Die Oberaspher setzten sich durch. Sie feiern das seitdem alle sieben Jahre mit einem Straßenfest. 2023 ist es wieder soweit.

5. Ruhe sanft

Nicht selten bleibt der Widerstand ohne Erfolg. Im Altkreis Dieburg etwa, der nicht mit dem von Darmstadt zusammen will. Der damalige Innenminister Hanns-Heinz Bielefeld (FDP), treibende Kraft der Reform, schmettert solchen Lokalpatriotismus ab: "Besitzstandswahrung ist keine Diskussionsgrundlage." Also wird auch das kleine Harheim von Frankfurt geschluckt, trotz eines Slogans, den man zur Hate-Speech zählen muss: "Wer Harheim verkauft oder verschenkt, wird gehenkt."

Auch wo die Eingemeindung sich politisch "freiwillig" vollzieht, führt sie zu Verlustgefühlen. Manchmal auch in der nächsten Generation, wie der hessische SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels vor einiger Zeit auf Twitter anhand von Traueranzeigen aus dem Bad Homburger Stadtteil Ober-Eschbach dokumentierte.

Die hessische Gebietsreform vor 50 Jahren hat offensichtlich Narben hinterlassen, die sich noch heute in den Todesanzeigen der @fr widerspiegeln.. #Hessen

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6. Where the streets have no name

Gemeindenamen stehen im Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzung. So kommt es, das als verbindender Kompromiss gerne ein ganz neuer gesucht wird: Taunusstein (Rheingau-Taunus), Dornburg (Limburg-Weilburg) etc. Straßennamen müssen auch geändert werden, falls sie sich nach der Fusion doppeln.

Wippershain, nun Ortsteil von Schenklengsfeld (Hersfeld-Rotenburg), setzt eine Eigenart durch: Es nummeriert alle Straßen vom Dorfgemeinschaftshaus aus im Uhrzeigersinn durch. Im Zentrum kreuzen sich die seit damals namenlosen  "3. Straße", "6. Straße", "9. Straße" und "12. Straße". So passt auch der neue lange Ortsname noch in Adressfelder.

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7. Die Gebietsreform 2.0…

Bevölkerungsrückgang, Digitalisierung, steigende Kosten: Inzwischen kommt es wieder vereinzelt zu neuen Fusionen. Den Anfang macht Anfang 2018 Oberzent im Odenwald, zu dem sich eine Stadt und vier Gemeinden zusammenschließen. Als Bonbon gibt es den ersten Platz unterm Schulden-Schutzschirm des Landes. 2020 folgt die Gemeinde Wesertal (Kassel) als neues Gebilde, 2023 wird sich Bromskirchen der Gemeinde Allendorf/Eder (Waldeck-Frankenberg) anschließen.

Über solche Fusionen sollten nach Meinung von Innenminister Peter Beuth (CDU) alle 120 Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern nachdenken, die es derzeit noch gibt. Oberstes Gebot laut Beuth: Freiwilligkeit. "Dann wollen wir das unterstützen."

8. ... und der Namenszwist 2.0

Es sind Oberweser und Wahlsburg gewesen, die sich 2020 das Ja-Wort geben und auf den Familiennamen Wesertal einigen. Aber beide bringen aus den Dörfern Oedelsheim und Lippoldsberg jeweils eine Weserstraße mit in die Ehe. Da kein Klügerer nachgibt und es nur eine Weserstraße geben kann, wird gelost. Lippoldberg gewinnt, und Oedelsheim trickst. Es benennt die überzählige Weserstraße einfach in Alte Weserstraße um.

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