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Ausbau der E-Ladeinfrastruktur in Hessen: Rüsselsheim als Vorreiter

EU-weit soll der Verbrennungsmotor in absehbarer Zeit von den Straßen verschwinden. Immer mehr Menschen steigen auf Elektro-Autos um. Vielerorts hakt es noch bei der Lade-Infrastruktur. Eine hessische Stadt ist allerdings Vorreiter.

Wer an Rüsselsheim denkt, denkt an Autos. Das liegt in erster Linie an Adam Opel, der in der Stadt im Kreis Groß-Gerau geboren wurde und nach der Produktion von Nähmaschinen und Fahrrädern ab Anfang des 20. Jahrhunderts zum größten Automobil-Hersteller Deutschlands aufstieg. Während der Glanz von Opel über die Jahrzehnte aber etwas verblasste und das Unternehmen in den vergangenen Jahren mehr Schlagzeilen mit der Übernahme durch den französischen Hersteller PSA (seit 2021: Stellantis) und eine Geldstrafe im Zuge des Abgasskandals machte, schwingt sich die Stadt Rüsselsheim derzeit auf, ihren Ruf als Auto-Hauptstadt zu erneuern. Besser gesagt: als Elektroauto-Hauptstadt.

Im Rahmen eines vom Bund geförderten Projekts hat Rüsselsheim nach eigenen Angaben seit 2018 intensiv daran gearbeitet, sein Netz an Ladesäulen für elektrische Fahrzeuge auf- und auszubauen. "Wir sind die Ladehauptstadt der Bundesrepublik", sagte ein Stadtsprecher. Im Projektsprech heißt das "Electric City Rüsselsheim". 838 öffentlich zugängliche Ladepunkte gibt es demnach im Stadtgebiet. Mehr seien es in absoluten Zahlen nur in den Großstädten Berlin, München und Hamburg.

Rüsselsheim lockt E-Auto-Besitzer

Pro Kopf dürfte die 67.000-Einwohner-Stadt Rüsselsheim im Vergleich mit den genannten Metropolen weit vorn liegen. Im bundesweiten Vergleich müssen sich im Zulassungsbezirk Groß-Gerau, zu dem Rüsselsheim zählt, so wenige E-Auto-Besitzer einen Ladepunkt teilen wie nirgendwo anders in Deutschland, wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) errechnet hat: 4,8 Autos pro Lademöglichkeit waren es demnach im April 2022. Zum Vergleich: In Frankfurt kamen auf eine Ladesäule 65,7 E-Autos.

Auch bei Opel steht das Thema E-Mobilität hoch im Kurs. Mit hohem Tempo treibt der Autobauer seine Wandlung zum E-Auto-Hersteller voran: Ab 2024 will Opel alle Modelle seiner Flotte auch in elektrischen Varianten anbieten, ab 2028 sollen den Plänen zufolge gar keine Verbrenner-Pkw mehr vom Band rollen. Damit setzt sich Opel ambitionierte Ziele und greift zugleich einem Plan des Europaparlaments vor.

Keine neuen Verbrenner mehr ab 2035

Dieses hat sich mit den EU-Mitgliedsstaaten darauf verständigt, dass ab 2035 in der gesamten EU keine Neuwagen mehr verkauft werden, die mit Diesel- oder Benzinmotoren angetrieben werden. Lediglich ein Hintertürchen für klimaneutrale Kraftstoffe - sogenannte E-Fuels - haben sich die Mitgliedsstaaten offengelassen. Autohersteller und Experten zweifeln aber an der Wirtschaftlichkeit der E-Fuels.

Der Umstieg auf Elektromobilität ist auch nach Einschätzung des Landes Hessen nicht weniger als ein "Schlüsselfaktor zur Erreichung der Umwelt- und Klimaziele" und wird dementsprechend gefördert.

E-Autos bei Neuzulassungen in Hessen vorn

Aktuelle Zahlen zeigen: Der Verbrenner dominiert zwar weiterhin das Erscheinungsbild auf deutschen Straßen, im Umlauf wird er aber immer mehr zur Gebrauchtware: Klassische Benziner- und Dieselmotoren machten im vergangenen Jahr in Deutschland 94,4 Prozent aller Fahrzeuge aus. Der Elektromarkt wächst jedoch rasant: Der Anteil rein elektrisch betriebener-Fahrzeuge hat sich im Jahr 2022 in Deutschland verdoppelt – um 618.460 Neuregistrierungen auf 1,3 Prozent des gesamten Fahrzeugbestands.

In Hessen wurden im Dezember laut Register des Kraftfahrtbundesamts (KBA) 32.596 Fahrzeuge neu zugelassen, fast jedes dritte (10.090) davon rein elektrisch betrieben. Eine Übersicht für das gesamte Jahr 2022 gibt es noch nicht.

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Hessen hat die beste Ausbauquote - und Nachholbedarf

Die E-Autos wollen natürlich auch geladen werden. Doch der Ausbau der Ladesäulen kann vielerorts noch nicht mit dem Wachstum des Elektroauto-Markts mithalten. Bis 2030 sollen nach Plänen der Bundesregierung eine Million öffentlicher Ladepunkte im Bundesgebiet verfügbar sein - am Stichtag 1. November 2022 gab es nach den aktuellsten Zahlen der Bundesnetzagentur in Hessen 5.782 Ladepunkte, bundesweit rund 72.000. Der Einfachheit halber wird im Folgenden nicht zwischen Schnellladeeinrichtungen und gewöhnlichen Ladestationen unterschieden.

Schaut man auf die Quote von E-Autos zu öffentlichen Ladepunkten, hat Hessen im Ländervergleich noch großen Aufholbedarf. So mussten sich zum Stichtag 1.1.2022 in Hessen 12,9 E-Fahrzeuge einen öffentlichen Ladepunkt teilen. Mehr waren es zu diesem Zeitpunkt nur im Saarland (13,1). Den besten Wert diesbezüglich konnte Sachsen-Anhalt aufweisen, wo sich 6,7 E-Autos einen öffentlichen Ladepunkt teilten.

Doch das Land Hessen holt seitdem auf: In keinem anderen Bundesland schreitet der Ausbau der E-Infrastruktur ebenso schnell voran: Der Zuwachs an Ladepunkten im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt beträgt laut Bundesnetzagentur 43 Prozent. Lediglich Baden-Württemberg kann mit einem Plus von 41 Prozent mithalten, was diese Quote angeht. Problem erkannt, könnte man sagen.

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Wie es um die Lade-Infrastruktur in den bevölkerungsreichsten Städten Hessens steht, hat hessenschau.de erfragt. Bei der Auswertung beschränken wir uns auf öffentlich zugängliche Ladestationen, eine Erhebung zu privaten und dienstlichen Stationen gibt es nicht.

Frankfurt

Auffällig im Frankfurter Stadtbild: Es tut sich etwas. An zahlreichen Stellen wurden in den vergangenen Wochen Parkflächen für E-Autos farblich ausgewiesen, nebst dazugehörigen Ladesäulen, die nach und nach in Betrieb gehen sollen. Hintergrund: Das Amt für Straßenbau hatte zuletzt 129 Anträge gewerblicher Anbieter zur Errichtung solcher Ladestationen genehmigt. Diese sollen nach Angaben eines Stadtsprechers spätestens zum Ende des ersten Quartals Strom liefern. Die Bundesnetzagentur wies im Dezember 450 öffentliche Lademöglichkeiten aus. Im Laufe dieses Jahres sollen zudem Parkhäuser im Stadtgebiet mit E-Ladesäulen ausgestattet werden.

Stellflächen für E-Ladesäulen in Frankfurt

Wiesbaden

Rund 280 öffentliche Ladepunkte gibt es nach Schätzung der Stadt Wiesbaden. Eine genaue Zahl liege nicht vor. Klarer wird die Landeshauptstadt aber bei den Plänen für das Parkhaus Klarenthaler Straße, das sich gerade im Bau befindet. Dieses soll als "E-Mobility Hub" ausgebaut und bis Ende 2024 mit bis zu 430 Ladepunkten ausgestattet werden. Daneben wird ein Betreiber gesucht, der Autofahrer im Stadtgebiet bis zum Jahr 2030 flächendeckend mit Lademöglichkeiten versorgen soll.

Kassel

Einen Betreiber für ein flächendeckendes E-Ladenetz sucht auch die Stadt Kassel nach eigenen Angaben intensiv. Dieser soll perspektivisch dafür sorgen, dass die Zahl von bisher 155 registrierten Ladepunkten noch einmal um rund 80 erhöht wird. Ein Fokus auf E-Mobilität soll sich nach Hoffnung der Stadt positiv auf den Tourismus auswirken.

Darmstadt, Offenbach und Fulda

Die Städte befinden sich jeweils noch in der Bedarfsanalyse für den Bau von E-Ladesäulen, wie Sprecher erklärten. Während Darmstadt 63 Ladesäulen im öffentlichen Gebiet registriert hat, gibt es für Offenbach keine konkreten Zahlen. Beide Städte sehen grundsätzlich Potenzial und Anlass zum Ausbau der E-Infrastruktur. In Offenbach soll sich dieser in erster Linie auf "stark verdichtete Wohngebiete mit hohem Parkdruck" fokussieren. Einen konkreten Zeitplan gibt es für beide Städte nicht. Fulda weist nach eigenen Angaben 61 öffentliche Ladeeinrichtungen aus (Stand: Dezember 2022). Im Jahr 2023 soll es eine Ausschreibung für die Errichtung weiterer Ladepunkte im Kernstadtbereich geben.

Hanau und Marburg

Handlungsbedarf sehen auch die Städte Hanau und Marburg. Beide arbeiten Sprechern zufolge an einem Konzept für eine verbesserte E-Ladeinfrastruktur. Marburg etwa will bis zum Jahr 2026 rund 100 Ladepunkte schaffen. Aus der Brüder-Grimm-Stadt Hanau heißt es, man stehe mit 125 Ladestationen (Stand: Juli 2022) im Vergleich zu anderen Kommunen im Rhein-Main-Gebiet "gut da". Rund zwölf E-Fahrzeuge müssten sich demnach einen öffentlichen Ladepunkt teilen. Derzeit arbeite man an einem E-Ladekonzept für den öffentlichen Raum. Ein Sprecher betonte aber: Grundsätzlich strebe Hanau eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs an. Daher liege ein großer Fokus auf dem ÖPNV und besseren Strukturen für Radfahrer.

Gießen

Die Stadt Gießen will den Ausbau der noch spärlichen E-Infrastruktur (vier öffentliche Standorte mit neun Ladesäulen) vertraglich absichern. "Seit einigen Jahren schließen wir mit den Bauträgern neuer Wohngebiete städtebauliche Verträge ab, die den Ausbau von E-Ladestationen auf zehn Prozent der zu schaffenden Stellplätzen sichern", teilte die Stadt mit.

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Umweltnutzen von E-Autos umstritten

Sind Elektro-Autos tatsächlich umweltfreundlicher als solche mit Verbrennermotor? Dieser Frage ist tagesschau.de nachgegangen. Die Recherche ergab: Die Ökobilanz von E-Autos ist nicht viel besser. Das liegt unter anderem daran, dass E-Autos in der Produktion mehr Energie benötigen als konventionelle Fahrzeuge. Außerdem werden für die Herstellung der Batterien Rohstoffe wie Lithium und Kobalt abgebaut - zum Teil in politisch instabilen Regionen. Der ADAC hat errechnet, dass die CO2-Bilanz von E-Autos im Schnitt ab einer Nutzung von 50.000-100.000 Kilometern ausgeglichen wird. Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg hat in einer Untersuchung festgestellt, dass es bei der Klimabilanz noch große Verbesserungspotenziale in der Entwicklung der E-Autos gibt.

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