Menschen in bunten Kleidern tanzen auf der Bühne in einer Reihe.

Vor der Bundestagswahl positionieren sich fast alle Parteien gegen Rassismus. Doch Betroffene erwarten konkretere Maßnahmen. Das Studio Lev in Kassel will Diversität mit Musicals vermitteln.

Anfang des Jahres war Julian Mahid Carly auf Wohnungssuche. Er dachte schon, dass es für ihn als freischaffenden Künstler schwierig werden könnte. Doch dann wurden die Fragen bei den Besichtigungen schnell persönlich, übergriffig. "Ich wurde gefragt, ob ich denn immer Indisch kochen würde. Die Nachbarn würde der Geruch stören. Oder ob ich dann meine Großfamilie aus Indien in die Wohnung holen würde", erinnert sich Carly.

Solche Fragen verletzten ihn, nicht nur weil er einen deutschen Pass habe. Aber er habe in dem Moment nichts sagen wollen, um es sich nicht mit dem Vermieter zu verscherzen, sagt er.

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Audioseite Julian Mahid Carly über seine Erfahrung mit Rassismus

Carly steht vor einer Backsteinwand in der Well Being Stiftung, wo das Studio Lev Kassel übt
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Carly, der 1997 als Sohn einer deutsch-türkischen Mutter und eines bengalischen Vaters in Kassel zur Welt kam, kann offen über seine Erfahrungen mit Rassismus sprechen. Mit seinem Engagement im Kasseler Verein Studio Lev unterstützt er auch Kinder und Jugendliche dabei. Es sei wichtig, dass diese lernten, über ihre Erfahrungen zu sprechen und gleichzeitig eigene Stereotype zu hinterfragen.

Manche entstünden durch Instagram oder TikTok, dort schnappten Jugendliche beispielsweise antisemitische Beleidigungen auf und verwendeten diese, ohne darüber nachzudenken, sagt Carly. Mit Workshops in Jugendhäusern und mit selbst geschriebenen Musicals will der Verein Kindern und Jugendlichen Raum geben, über Vorurteile zu reflektieren.

"Mangelnde Diversität in Musicals"

Viele Musicals spiegelten die Lebensrealität von vielen Menschen nicht wider, erklärt Carly. Außerdem mangele es in der Kulturbranche sowieso an Diversität. Bei manchen Musicals sei genau festgelegt, welche Personen für welche Rollen in Frage kommen. "Wenn du dann die einzige schwarze Frau beim Casting bist, weißt du, dass sie dich nur deshalb nehmen werden. Das ist dann auch nicht cool", findet Julian Mahid Carly.

Aus diesem Grund hat der Verein angefangen, eigene Stücke zu schreiben, die sich mit Rassismus und Postkolonialismus auseinandersetzen. In solchen Stücken, erzählt Carly, verarbeite er seine eigenen Erfahrungen. Darin legt er weder Geschlecht noch Ethnie oder Religion einer Figur fest, wodurch die Besetzung flexibel gehalten wird. Aufgeführt werden die Stücke oft im Kasseler Kulturhaus Dock 4.

Eines seiner Musicals spielt in einem Waschsalon, es geht um Sauberkeit, Reinlichkeit und Spießigkeit. Oft werde Personen mit Migrationsgeschichte unterstellt, sie seien nicht so sauber wie andere Deutsche, sagt Carly - in dem Musical wurde dieses Verhältnis umgedreht. Hier achten die Personen, die als "Ausländer" gelesen werden, peinlich genau auf ihre Sauberkeit.

"Identitätsstärkende Jugendarbeit schafft Schutzräume"

"Diskriminierung findet in allen Lebensbereichen statt. Und Jugendarbeit ist ein wunderbarer Ort und schafft Schutzräume für Jugendliche jeglicher Herkunft, jeglichem Aussehen und jeglicher Religion", sagt Nkechi Madubuko. Die Soziologin und Buchautorin beschäftigt sich mit Rassismuskritik, Diversitätssensibilität und Empowerment gegen Rassismuserfahrungen.

Die Soziologin und Buchautorin Nkechi Madubuko

Vor allem geschultes Fachpersonal mit einer eigenen Migrationsgeschichte schaffe mit einer identitätsstärkenden Jugendarbeit Schutzräume, so genannte Safer Spaces. Diese Räume ermöglichten beispielsweise muslimischen Kindern und Jugendlichen einen Austausch über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Das bedeute nicht, dass man diese Kinder separiere. Sie seien in offenen und gemischten Räumen immer wieder Zuschreibungen ausgesetzt, in Safer Spaces erreiche man das Gegenteil: einen Austausch auf Augenhöhe.

Von gemischten Gruppen und Jugendtreffs profitierten letztlich alle, erklärt die Soziologin. Hier könne man verschiedenen Lebensräumen eine Sichtbarkeit bieten, indem man Themen bearbeite, die nicht nur einen selbst betreffen.

"Diversität schon als Kind als normal begreifen"

Nicht nur eine identitätsstärkende Jugendarbeit könne helfen, dass Menschen gegen Rassismus und Diskriminierung eintreten. Es sei wichtig, Kindern eine Vielfaltssensibilität und eine wertschätzende Haltung gegenüber Herkunft, Religion, Hautfarbe und sozialem Status mitzugeben - und dementsprechend keine Ausgrenzung zu akzeptieren, sagt Madubuko.

Das beginne bereits im Elternhaus und müsse in Kindergärten und Schulen fortgeführt werden. Kinder sollten wissen, dass es wichtig sei, sich einzusetzen und sich solidarisch zu zeigen, betont die Soziologin: "Im Kindergarten kann man Vorurteile schon ganz früh richtigstellen."

Genauso sieht das Carly. Seiner Meinung nach muss vom Kindergarten an viel mehr über Rassismus und Postkolonialismus aufgeklärt werden. Das könne über einfache Themen geschehen wie zum Beispiel das mitgebrachte Essen oder die Haare, die sich von Kind zu Kind unterscheiden. Je früher Kinder lernen, dass Diversität normal sei, umso offener seien sie als Erwachsene. Dazu trage auch die Auswahl von Vorlesebüchern bei: Oft seien die Protagonisten weiß, blond und blauäugig, diverse Figuren in Kinderbüchern seien eine Seltenheit.

"Sehr viele Fälle bleiben ungesehen"

Dass der Rassismus, den Carly und andere Mitglieder des Vereins erleben, zum Alltag vieler Hessinnen und Hessen gehört, zeigt der Jahresbericht der Bildungsstätte Anne Frank. Im Jahr 2020 gingen bei der Beratungsstelle 184 rechte und rassistische Vorfälle ein, zudem gab es weitere 118 anonym gemeldete Vorfälle.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den Tätern um Unbekannte, ein Großteil ereignete sich in der Öffentlichkeit, beispielsweise im Park, in der Straßenbahn oder beim Einkaufen. Hinzu kommt das rassistische Attentat in Hanau, bei dem ein Rechtsextremer im Februar vorigen Jahres neun Menschen mit Migrationsgeschichte tötete.

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Bei den Zahlen handelt es sich der Bildungsstätte Anne Frank zufolge keinesfalls um eine vollständige Übersicht der Vorfälle. Im Jahresbericht heißt es: "Damit kann immer nur ein Ausschnitt des realen Ausmaßes sichtbar gemacht werden. Sehr viele Fälle bleiben ungesehen."

Man kann also davon ausgehen, dass es pro Jahr zu deutlich mehr rechten und rassistischen Vorfällen kommt. Das schlägt sich auch im Verfassungsschutzbericht nieder. Im vergangenen Jahr registrierten die Behörden im Vergleich zum Vorjahr fast doppelt so viele extremistische Gewalttaten.

Expertin fordert eine Bildungsreform

Für Madubuko ist im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung vor allem die Politik gefragt. Sie wünsche sich, dass die Empfehlungen wie von Expertinnen und Experten der Antidiskriminierungsstelle zu mehr ernsthaften und nachhaltigen Maßnahmen führten, sagt sie - und fordert eine Bildungsreform.

Man müsse rassismuskritisch Lehrmaterialien analysieren und alles, was Stereotype widerspiegele und Rassismus reproduziere, aus den Schulbüchern entfernen. Außerdem brauche es eine flächendeckende Ausbildung zu Rassismuskritik und Diversitätssensibilität in allen pädagogischen Berufen. Es könne nicht sein, dass man heutzutage Lehrer werde und davon nichts gehört habe.

Fast alle Parteien ausdrücklich gegen Rassismus

In ihrem Wahlprogramm sehen die Grünen einen ähnlichen Schritt vor: Sie wollen, dass Antirassismus, Antidiskriminierung und Postkolonialismus in den Lehrplänen verankert werden. Außerdem fordern sie eine besser ausgestattete Antidiskriminierungsstelle im Bund und einen Antirassismusbeauftragten.

Die SPD verlangt ebenfalls "eine kritische Auseinandersetzung mit deutscher kolonialer Vergangenheit" - in welchem Rahmen und Umfang das geschehen soll, wird nicht näher erläutert. Weiterhin plant die SPD, Rechtsextremismus in Sicherheitsbehörden anzugehen. Damit reagiert sie unter anderem auf die Auflösung des Frankfurter SEK im Juni wegen rassistischer Chat-Inhalte.

Ähnlich formuliert das die FDP. Sie will zukünftig Polizisten schon in der Ausbildung für Diskriminierung sensibilisieren. Darüber hinaus schlägt die Partei "Lernmaterialien in Schulen zu alltäglichem Antisemitismus" und einen besseren Schutz von jüdischen Einrichtungen vor.

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Die Sicherheit von Jüdinnen und Juden wird auch von der CDU/CSU thematisiert, die Rechtsextremismus als "größte Bedrohung für unsere offene Gesellschaft" bezeichnet. Im Internet solle Strafverfolgung in extremen Fälle auch ohne Anzeige möglich sein.

Auch die AfD verlangt eine konsequente, strafrechtliche Verfolgung nach Angriffen auf Juden oder antisemitischen Beleidigungen, spricht sich jedoch nicht ausdrücklich gegen Rassismus aus. Im Gegenteil: Kritik am Islam müsse von anderen auch als solche wahrgenommen werden und der Vorwurf der Islamophobie und des Rassismus sei unzulässig.

Die Linke fordert unter anderem ein Antidiskriminierungsgesetz und einen Untersuchungsausschuss, der sich mit Rechtsextremismus befasst. Unter Polizeibeamten solle rassistisches Verhalten konsequent verfolgt werden, Racial Profiling gehöre abgeschafft.

Racial Profiling erlebt

Racial Profiling hat Carly bereits erlebt. Als er 2015/2016 für mehrere Monate mit dem Zug durch Europa reiste, habe er vorher sein Aussehen genau geplant: "Ich wollte zum Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise so europäisch wie möglich aussehen." Dennoch sei er oft als einziger im gesamten Waggon kontrolliert worden. Trotz seines deutschen Passes sei immer wieder die Nachfrage gekommen: "Du willst doch nicht hier bleiben?"

Das sei für ihn ein Schlüsselmoment gewesen, in dem er sich gefragt habe: "Wie wäre es jetzt, wenn ich keinen Pass der Europäischen Union hätte?"