Die Wilhelmsburg zu Dillenburg

Während der Lahn-Dill-Kreis mit Abwanderung und offenen Ausbildungsplätzen kämpft, hat die Kreisstadt Wetzlar das gegenteilige Problem: Hier wird Wohnen immer teurer. Die traditionell starke CDU ringt im Kreistag um Mitspracherechte.

So lebt man hier:

Wer die Natur liebt, fühlt sich im Lahn-Dill-Kreis auf Anhieb wohl. Das Mittelgebirge ist gerade für Wanderer ein Paradies: Es gibt unzählige zertifizierte und wunderschön gelegene Wege mit Schwierigkeitsgraden für alle Altersklassen. Die Wege führen an vielen Aussichtspunkten vorbei, wie dem Wilhelmsturm in Dillenburg oder dem Schloss in Herborn.

Rund 250.000 Menschen leben im Kreis, gut ein Fünftel davon in der Dom- und Goethestadt Wetzlar. Den Westerwäldern sagt man eine raue Herzlichkeit nach. Haben sie einen ins Herz geschlossen, nimmt das Raue ab und die Herzlichkeit umso mehr zu.

Wirtschaftliches Rückgrat des Kreises, aber auch des Landes Hessen sind die vielen mittelständischen Unternehmen, unter denen sich einige Weltmarktführer befinden: der Schaltschränkehersteller Rittal, die Optikunternehmen Zeiss und Leica sowie Hailo, bekannt für Leitern und andere Produkte aus Aluminium.

Die Chancen und Herausforderungen der Region:

Der Lahn-Dill-Kreis ist eher ländlich geprägt, und in den vergangenen Jahren zog es vor allem junge Menschen vermehrt in die Städte. Während die Kreisstadt Wetzlar in den vergangenen Jahren gewachsen ist, schrumpfte der restliche Kreis nach eigenen Angaben im selben Zeitraum um insgesamt 10.000 Einwohner. In der Folge wird die Bevölkerung immer älter: 2030 könnte das Durchschnittsalter einer Studie zufolge bei 47,7 Jahren liegen (2018: 44,9 Jahre).

Dank der vielen mittelständischen Unternehmen gibt es im Kreis genug Arbeit, und auch Ausbildungsplätze sind reichlich vorhanden. Weil viele junge Menschen aber ein Studium außerhalb des Kreises vorziehen, bleiben häufig Lehrstellen unbesetzt.

Wie eine Lebensader zieht sich die A45 von Haiger im Westerwald runter zur Goethestadt Wetzlar. Sie versorgt die unzähligen mittelständischen Betriebe mit Rohstoffen und lässt die vielen fertigen Produkte schnell an ihre neuen Standorte gelangen. Allerdings ist sie eine einzige Dauerbaustelle, und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

Das Topthema vor der Wahl:

Das eine Topthema, das den gesamten Kreis beschäftigt, gibt es vor der Kommunalwahl nicht. Dazu sind die Unterschiede innerhalb des Kreisgebiets auch zu groß. Während die Bevölkerung insgesamt schrumpft, wächst die Kreisstadt Wetzlar seit Jahren stetig. In der Folge wird Wohnraum knapp, Immobilienpreise und Mieten steigen auch während der Corona-Pandemie weiter.

Der Mieterbund Wetzlar und Lahn-Dill-Kreis hat deshalb vor der Kommunalwahl alle Fraktionsvorsitzenden im Stadtparlament aufgefordert, Pläne für mehr bezahlbare Wohnungen vorzulegen. Der Mieterbund fordert außerdem den Erhalt von Sozialwohnungen: Von den 54.000 Einwohnern der Stadt sei derzeit jeder achte auf Sozialhilfe angewiesen. Die Stadt ist ebenfalls gewillt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und hat ein Innenstadt-Entwicklungskonzept auf die Beine gestellt, das insbesondere den Bereich um die Bahnhofstraße attraktiver machen soll.

Das beschäftigt die Menschen noch:

Die Ärzteversorgung auf dem Land ist eines der Dauerthemen der vergangenen Jahre. Der Kreis versucht als Träger der Lahn-Dill-Kliniken und der Landarztnetz-GmbH, junge Mediziner für das Leben auf dem Land zu begeistern – beispielsweise indem er Praxen von Ärzten übernimmt, die in Ruhestand gehen, und sie jungen Ärzten zur Verfügung stellt.

Ein weiteres Langzeitthema ist der öffentliche Nahverkehr. Entsprechend dem Landesentwicklungsplan Hessen will der Kreis das Angebot ausbauen: Busse sollen werktags stündlich fahren, kleine "Mobilbusse" auf den Dörfern Fahrten zum Einkaufen oder zum Arzt ermöglichen. In Lahnau wollte die Gemeindevertretung kostenlose Busfahrten anbieten, scheiterte aber am Widerstand des Rhein-Main-Verkehrsverbunds.

Die Kreisstadt Wetzlar wird der für 2027 geplante Abriss der Hochstraße, eines Teils der B49, in der kommenden Legislaturperiode beschäftigen. Ob Neubau an gleicher Stelle, Umfahrung oder Tunnellösung - für alle im Raum stehenden Varianten gibt es Unterstützer und Gegner, die sich in zwei Bürgerinitiativen formiert haben.

Im kommenden Jahr steht in Wetzlar außerdem der Abriss des Stadthauses und der umliegenden Gebäude an. Nachdem Schäden an der Bausubstanz gefunden worden waren, plante ein privater Investor die "Domhöfe" mit 60 Wohnungen und einem großen Multiplex-Kino, das wegen der Corona-Pandemie inzwischen wieder verworfen wurde.

So ist die politische Ausgangslage im Landkreis:

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Der Lahn-Dill-Kreis ist seit vielen Jahren eher konservativ geprägt. Stärkste Partei im Kreistag ist die CDU mit 25 Abgeordneten. Das Sagen haben aber meistens andere: Seit der vergangenen Kommunalwahl vor fünf Jahren regiert eine Mehrheit aus SPD, Grünen, Freien Wählern (FWG) und FDP, die zusammen auf 43 Sitze kommen.

Die AfD gewann bei der vergangenen Kommunalwahl zehn Prozent der Stimmen und damit 8 Sitze im Kreistag. Allerdings tut sich die Partei schwer damit, konstruktive Vorschläge im Kreistag einzubringen oder zu akzeptieren. Die Linke hat 3 Sitze im Kreishaus in Wetzlar, die NPD 2. Verlierer der Kommunalwahl waren die Grünen mit über fünf Prozentpunkten Stimmverlust.

Das sind die wichtigsten Köpfe:

Seit 2006 ist Wolfgang Schuster (SPD) Landrat des Lahn-Dill-Kreises. Der 62-Jährige versteht es, sowohl die Unternehmen im Blick zu haben und zu fördern, als auch auf die Bürgerinnen und Bürger zuzugehen. Der ehemalige Bürgermeister von Driedorf spricht dabei nicht nur die harte Sprache der Zahlen und Fakten - er redet auch Platt und spielte vor der Pandemie Tuba in einer Blaskapelle.

Allerdings tritt Schuster mit seiner Vehemenz gelegentlich auch Debatten los. So hatte er das Bundesverfassungsgericht 2018 im Streit um eine NPD-Veranstaltung in Wetzlar als "Problembär" bezeichnet - und damit für Entrüstung bei den Konservativen im Kreistag gesorgt.

Als Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag ist der Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Irmer auch in der Lokalpolitik noch sehr aktiv. In der Wetzlarer Stadtverordnetenversammlung ist er allerdings nicht mehr vertreten. Der 69-Jährige ist auch Herausgeber des "Wetzlar-Kurier", in dem er immer wieder Ressentiments gegen den Islam und Flüchtlinge schürte, wofür er Kritik aus den eigenen Reihen erntete.

Diese Entscheidungen stehen noch an:

In Wetzlar wird am 14. März auch ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Manfred Wagner (SPD) kandidiert für eine zweite Amtszeit. Die CDU schickt den 33-jährigen Kreistagsabgeordneten Michael Hundertmark ins Rennen, für die Linke tritt der langjährige Landtagsabgeordnete Hermann Schaus an. Außerdem stehen mit Christoph Wehrenpfennig (FDP), Lothar Mulch (AfD), Thomas Hantusch (NPD) und Dominic Harapat (Die Partei) vier weitere Gegenkandidaten auf der Liste.

Auch in Siegbach wird ein neuer Bürgermeister gewählt. Im Mai hatte die Gemeindevertretung den schwer erkrankten Berndt Otto Happel (unabhängig) abgewählt, der zuvor bereits monatelang ausgefallen war. Als Staatsbeauftragter sprang der ehemalige Bürgermeister Eckehard Förster übergangsweise ein. Nun stehen sechs neue, allesamt parteiunabhängige Kandidaten zur Wahl.